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Interview mit Stas Bartnikas

Veröffentlicht am 08.10.2018

Stas Bartnikas und seine Portraits unserer Erde.

 

Ich fliege hoch, um die Welt zu sehen, ich schau runter um ihre Schönheit zu begreifen und dann bringe ich etwas mit von meiner Reise dort oben - es sind Momente der stillen Anmut, Momente gewaltiger Kraft, Momente der Schöpfung und Momente, die den Kreislauf des Lebens auf unserer Mutter Erde zeigen, wenn auch nur teils.

Ich fliege hoch um sie mit meinen Augen zu berühren. Ohne Boden unter den Füßen spüre ich ihre Anziehung. Es ist eine Umarmung und wenn ich wieder runter komme, dann hat mein Herz verstanden. Ich bin dann unten, dort, wo ihr Leben uns mitschleift in ihrer endlosen Schöpfung.

Wenn du das sehen könntest, was ich gesehen habe... Ich will es dir zeigen - dein Zuhause. Ich will auch dein Herz füllen mit der Schönheit deiner Erde und ich will, dass du aufhörst Mensch zu sein und einfach nur ein Teil von dem wirst, was ich dir zeigen werde.

Stas Bartnikas und seine Portraits unserer Erde.

RH: Ich habe mir lange deine Bilder angeschaut und folgende Frage ist daraus entstanden: wo ist dein Herz zuhause - über den Wolken, auf der Erde oder ganz woanders?!X

 

SB: Mein Herz? Als Organ befindet es sich irgendwo in der linken Hälfte der Brust - gefühlt verhält es sich jedoch ganz anders. In der Luft fliegt es. Auf der Erde ist es mit Irdischem beschäftigt. In der Luft sind meine Liebsten nicht dabei, rein objektiv und wenn ich wieder gelandet bin, dann sind sie wieder bei mir. Mein Herz kennt viele Zustände und ist in vielen Zuständen zuhause. Früher, als ich jünger war, dachte ich, dass es ausreichen würde die Umgebung zu wechseln, an einen wunderschönen Strand zu reisen und schon bist du glücklich und dein Herz hüpft vor Freude. Heute jedoch, einige Lebenserfahrungen weiter, weiß ich, dass die Umgebung und das persönliche Umfeld im erweiterten Sinn wichtig sind, dass man aber letztendlich auch mit sich selbst glücklich sein kann und dann ist es egal wo du dich befindest. Das heißt man muss den Ort gar nicht suchen, an dem man glücklich sein kann. Es verhält sich eher so, dass wenn man glücklich ist, fast jeder Ort annehmbar wird.

 

RH: Lieber Stanislav, dann verrat mir doch bitte was dich dazu gebracht hat sich für das Fliegen und für Luftaufnahmen zu begeistern?!X

 

SB: Tja, die Luft habe ich vor gar nicht so langer Zeit für mich entdeckt. Es ist erst fünf Jahre her und es war alles ein Zufall. Ein alter Bekannter von mir, mit dem ich gar nicht mehr so viel zutun hatte zur damaligen Zeit rief mich überraschend an und erzählte mir, dass er sich auf verschiedenen Moskauer Flughäfen rumtreiben und dort fotografieren und fliegen würde. Dann fragte er mich, ob ich nicht auch Lust hätte so etwas auszuprobieren, das sei bestimmt etwas Neues. Ich bin darauf eingegangen. Als es dann losging, habe ich innerhalb von nur wenigen Tagen alles ausprobiert, was man an so einem Flughafen ausprobieren kann. Ich bin mit dem Fallschirm gesprungen, bin geflogen, hab einfach alles gemacht. Mein Bekannter hat mich dann gefragt, wie es mir gefallen würde. Ich entgegnete, dass es mir gefällt und dass ich es interessant fände. 

Es ist dann etwas Zeit vergangen und ich plante meinen Urlaub zu Freunden nach Italien. Da meldete sich mein Bekannter und sagte: „Du fliegst doch zum Comer See, oder? Ich weiß, dass es dort sehr schön ist und dass es dort Wasserflugzeuge gibt. Wie wäre es, wenn ich dir meine Fotokamera gebe und du machst ein paar Fotos aus der Luft?“ An der Stelle muss ich hinzufügen, dass obwohl ich eine journalistische Ausbildung habe, ich ausschließlich ein schreibender Journalist bin. Außerdem habe ich nicht nur keinerlei Erfahrung in der Fotografie gehabt, sondern habe mich immer davor gedrückt zu fotografieren. Das höchste der Gefühle waren ein paar Fotos auf einer Kompaktkamera, bloß einfach dafür, dass man es gemacht hat. Also antwortete ich: „Sergej, fliegen ja, kann ich gerne machen, aber fotografieren... ich brauche deine Kamera nicht, ich versteh’ eh nichts davon. Darauf er: „Das macht nichts, ich stelle die Kamera ein, du brauchst dann bloß aufs Knöpfchen zu drücken“. Ich bin dann letztendlich wirklich geflogen und habe auf dem Weg nach Florenz tatsächlich fotografiert. Zurück in Moskau habe ich die Kamera zurückgegeben und es hat mich noch nicht mal interessiert, was ich auf der Karte hinterlassen habe.

Es hat nicht lange gedauert, da rief mich mein Bekannter an und sagte: „Bist du dir wirklich sicher, dass du noch nie fotografiert hast?“ Ich entgegnete: „Naja, in der Schul-AG mit einer SMENA 8M, Dunkelkammer und so, das habe ich natürlich schon ausprobiert. Aber beruflich war da nichts.“ Er darauf: „ Ich glaube, du schwindelst mich an. Schau mal her, du hast etwas über zweihundert Bilder geschossen, 50 davon kann man ausdrucken und sich an die Wand hängen und zehn Bilder könnte man sogar zu irgendeinem Foto-Wettbewerb einschicken:“

Dann macht er einen auf Psycho-Doc: „Guck mal, du reist gerne, jetzt hast du noch dazu herausgefunden, dass du auch gerne fliegst und außerdem hast du eine Talent zum Fotografieren. Glaub mir, du hast ein drittes Auge, ich fotografiere schon viele Jahre, ich weiß wovon ich spreche und wenn man das alles zusammenlegt, dann hast du ein ideales Hobby.“

So hat dieser Bekannte also sein Voodoo hinterlassen und ich hab mich davon infizieren lassen. Es klang wirklich interessant, was er gesagt hatte und seit dem mache ich praktisch keinen Strandurlaub mehr. Wenn ich jetzt irgendwo im Urlaub war und nicht geflogen bin, dann habe ich das Gefühl meine Zeit vergeudet zu haben.

So ist das also zielsicher und quasi zufällig passiert, wobei es keine Zufälle gibt und etwas dazu geführt hat, dass sich das alles so ergeben hat. Aus irgendeinem Grund hat Sergej mich angerufen und mir diese Vorschläge gemacht. Es ist unerklärlich und es gibt auch keine richtige Antwort darauf. Es hat sich eben so ergeben und das war‘s - Danke Sergej!

 

RH: Interessant finde ich, dass das Thema des dritten Auges angesprochen wurde. Wie schafft man es denn das beim Fotografieren Empfundene dem Betrachter zu vermitteln?!X

 

SB: Ich habe eine Überzeugung und ich habe darüber auch von anderen Kollegen gehört, dass wenn man die Kamera selbst in Händen hält und mit seinem ersten oder dritten Auge durch die Kamera schaut und den Auslöser betätigt, dass genau dann eine magische Chemie und Metaphysik entsteht, eine Vereinigung mit dem Moment durch die Kamera. Dieser Moment und die Aufnahme werden dann Zeuge deiner Gefühle, wenn du so willst.

 

RH: Diese Antwort enthält genau die Anspielungen auf die Magie und Metaphysik, die ich in deinen Bildern empfunden habe. Steigst du genau deshalb selbst in die Luft und machst die Bilder mit deinen eigenen Händen, anstatt Dronen zu benutzen?!X

 

SB: Richtig, wenn du Dronen benutzt, dann guckst du einen Bildschirm an. Das ist sehr digital, sehr modern, die Energieverbindung mit dem Augenblick geht dabei jedoch verloren oder schwindet zumindest. Durch das Aufkommen und durch die Verbreitung von Dronen ist zudem die händische Aerial Fotografie geradezu ein Oldschool-Ding geworden.

 

RH: Moderne Menschen entfernen sich oft in jeglicher Hinsicht von sich selbst - selbst beim Fotografieren. In deinem Fall finde ich es sehr interessant, dass du dich in diesen schwindelerregenden Höhen befindest, wenn die Aufnahmen entstehen, obwohl die Technik sich in eine eher fernbedienbare Richtung entwickelt. Sind Dronen eine echte Alternative für dich oder nicht und wo liegt der Unterschied zwischen dem Aufnahmeprozess mit einer Drone und mit seinen eigenen Händen?!X

 

SB: Weißt du, Dronen sind nur eine Teilalternative für mich aus verschiedenen Gründen. 

Erstens kann man mit einem Flugzeug oder mit einem Hubschrauber viel größere Entfernungen überwinden. Man ist nicht abhängig von einem Akku, der ca. 20 oder 30 Minuten hält. 

Zweitens bemerkst du mehr und siehst weiter mit deinen eigenen Augen. Wenn wir aufsteigen, dann weiß ich nur ungefähr wohin der Weg uns führen soll. Auf dem Weg selbst begegnen einem dann interessante Kombinationen, Texturen oder Reliefübergänge... Wir erkunden zusammen mit dem Piloten das Gelände und so kann man dann während eines vierstündigen Fluges ein riesiges Territorium abfliegen und dementsprechend auch viel mehr Aufnahmen machen. Mit einer Drone ist das aus nachvollziehbaren Gründen viel schwieriger umzusetzen.

Wenn du jedoch genau weißt was du fotografieren willst, dann ist eine Drone ideal. Außerdem können Dronen dort fliegen, wo Flugzeuge nicht hinkommen. Es gibt hier zum Beispiel in der Umgebung von Moskau einen Park, in dem sich ein Fußballfeld befindet. Das ist ein tolles Motiv, das man mit einem Flugzeug jedoch nicht überfliegen darf. Wenn man den genauen Standort dieses Fußballfeldes kennt, kann man seine Aufnahme mit Hilfe einer Drone ganz unkompliziert machen. Ich beobachte übrigens die Entwicklung der Dronen und habe vor kurzem meine alten Dronen verkauft und mir dafür die neue DJI Mavic 2 Pro (C) gekauft. Die Bildqualität ist hervorragend und ich bin bereit dieses Teil auf meine Reisen mitzunehmen, obwohl ich sagen muss, dass ich während der letzten Jahre vielleicht drei oder vier Flüge mit meinen Dronen gemacht habe.

 

RH: Wahrscheinlich ist es nicht ganz einfach das Fliegen und das Fotografieren mit einander zu vereinbaren?!X

 

SB: Viele meiner Kollegen und Bekannten sind der Überzeugung, dass ich beides gleichzeitig tue. Dem ist nicht so. Ich fliege immer zusammen mit einem Piloten. Ich bin der Überzeugung, dass man jeder Sache seine ungeteilte Aufmerksamkeit widmen muss. Ich kenne einige Piloten, die beides ganz gut unter einen Hut kriegen, jedoch wird ein entscheidender Teil der Energie beim Fliegen vom Fotografieren abgezogen oder umgekehrt. Ich habe das Gefühl, dass die Energie der Aufnahmen ohne vollkommene Hingabe geringer ist und dass man, wenn man durchs Fliegen abgelenkt ist, viele wunderbare Aufnahmen verpasst. Die Piloten mit denen ich fliege wollen oft die Aufnahmen sehen, die ich gemacht habe und fragen mich dann ganz überrascht, wo ich das gesehen hätte, sie hätten diese Stelle gar nicht bemerkt!

 

RH: Das heißt du selbst bist gar kein Pilot?!X

 

SB: Noch nicht ganz. Ich hatte mal einen Fall, da wollte ich von San-Diego nach Mexiko fliegen. Ich wollte unbedingt einen bestimmten Ort sehen. Ich komme also am Flughafen an und es kommt heraus ein Herr so um die 75! Er hatte insgesamt einen sehr guten Eindruck auf mich gemacht, wäre da nicht sein Hörgerät. Er verstand mich nicht gut und es stellte sich zudem heraus, dass er mein Pilot war. Wir haben also einen ca. dreistündigen Hinflug vor uns und als wir abheben denke ich mir: der Mann hat bestimmt alle notwendigen Lizenzen und Dokumente, er ist bei bester Gesundheit und schaut zudem auch noch blendend aus, aber im Ernst, der Mann ist nicht mehr der Jüngste und was, wenn ihm hier oben etwas passiert?!X Im Notfall könnte ich das Flugzeug nicht mal notlanden! Nach diesem Flug habe ich also ein paar Flugstunden genommen. Ich bin einfach bei Bekannten mitgeflogen um wenigstens ein paar Basics abzugreifen. Jetzt bin ich zumindest in der Lage mich bei Bedarf zu orientieren und zu wissen, was in einem Notfall zu tun ist.

 

RH: Ich tippe mal, dass du mittlerweile erfahren genug bist um zu wissen bei welchen Wetterbedingungen man in welche Höhe und Himmelsrichtung aufsteigen muss, um deine Bilder zu machen. Worin besteht deiner Meinung nach die Schönheit unserer Welt und wie fühlt sich diese Schönheit an?!X Hängt sie von der Jahres- oder Tageszeit ab?!X

 

SB: Das ist keine einfache Frage. Oder besser gesagt, kann man das nicht allgemeingültig beantworten. Wenn man das technisch betrachtet, dann ist Licht natürlich ausschlaggebend - Sonnenaufgang oder -Untergang, lange Schatten, die besonderen Farbtemperaturen, die dabei entstehen - einfach die „Goldenen Stunden“ mit ihrem Reichtum an Farbverläufen. Übrigens ist es wichtig, dass die Luft entladen und klar ist für Luftaufnahmen.

Aber letztendlich hängt viel von unserer Erziehung ab, denn die Erziehung ist unser inneres Prisma und so kann es manchmal sein, dass es einen mit Freude erfüllt Regen zu sehen und dann ist man hingegegen traurig an einem sonnigen Tag. Die Kamera ist ein Werkzeug unsere Erziehung. Ich für meinen Teil mag besonders den Zustand des Erwachens. Spielt keine Rolle ob es der Tagesanbruch oder der Frühling ist. Natürlich mag ich aber auch die warmen Töne des Herbstes. Im Winter herrscht hingegen eine Monotonie an Farben, wobei man sagen muss, es kommt wiederum auf den Ort an. Der Winter in Island zum Beispiel ist sehr interessant! Ich bin dort fast jeden Winter. Ich habe dort Aufnahmen gemacht, die mir selbst sehr gut gefallen und die auch tatsächlich schon Wettbewerbe gewonnen haben, obwohl sie sehr eintönig sind. Wenn du mich jedoch nachts plötzlich aus dem Bett reißen und fragen würdest was ich lieber mag, Winter oder Sommer, dann wäre meine Antwort ganz klar: Sommer, Sommer, Sommer!

 

RH: Es ist nicht jedermanns Sache in schwindelerregende Höhen zu steigen. Solche Erlebnisse verändern denke ich die persönliche Sicht. Was hast du denn von dort oben über unsere Natur verstanden?!X

 

SB: Das erste und allerwichtigste was ich verstanden habe ist, dass unsere Natur wunderschön ist. Wahrscheinlich hatte ich Glück, dass ich meinen Jungfernflug in Island hatte, denn Island bietet echt extraterrestrische Anblicke. Als ich meinen ersten Flug in Island hinter mir hatte (das war 2014) und mir anschließend im Hotelzimmer mein Material angeschaut habe, konnte ich meine Begeisterung nicht bei mir halten. Vor lauter Überwältigung stieß ich wilde Freudenschrei aus. Das war einfach eine animalische Euphorie und ich konnte mich mehrere Stunden lang einfach nicht beruhigen. Dabei war das keine bewertende Euphorie, sondern viel mehr eine überwältigende Begeisterung über die Schönheit, die ich da auf den Bildern gesehen habe.

Auf der Erdoberfläche ist diese Schönheit und Gänze schwer für uns zu erfassen. Wir sehen und verstehen, dass der Wald in den ich spazieren gehe schön ist, dass der Teich mit seinen Fischen einen netten Anblick bietet und dass das Fließen des Bachs wundervoll ist... Auf der Erde sehen wir viele irdische Details. Klar ist das so, denn das was wir sehen, nehmen wir auch zur Kenntnis. Wenn sich die Perspektive jedoch verlagert und wir uns das Schauspiel aus der Luft ansehen, dann sehen wir plötzlich mehr. Besonders in dieser Sache kenne ich mich gut aus, ich war immer der Größte in der Schule, heute bin ich 1,92 m groß, dadurch habe ich von Natur aus eine andere Perspektive.

Die Erweiterung der Wahrnehmungsperspektive ist eine wirklich wichtige Erfahrung. Wir Menschen sind in unserem Alltag mit vielen Problemen und Aufgaben beladen. Diese Sorgen haben viele verschiedene Bezeichnungen, aber letztendlich sind es alles Schwierigkeiten, die es zu überwinden gilt. Man ist in einen ständigen Kampf verwickelt entweder mit etwas oder für etwas. Man ist ständig unter Spannung. Während der Aufnahmen von oben sieht man aber viel Schönes, Interessantes und das was man da sieht ist verstandesmäßig nicht zu erfassen. Man sieht die Welt aus einem anderen Blickwinkel und von einer anderen Seite und dort oben hat man seine irdischen Probleme nicht dabei. Für mich persönlich reicht es völlig aus in die Luft zu steigen um mich abzulenken und meine Sicht auf die Dinge zu ändern.

Was habe ich noch begriffen dort oben? Unser Planet strotzt nicht nur vor Schönheit, sondern er ist auch eine zusammenhängende Einheit und wir sind ein gaaanz winziger Teil dieses Ganzen, egal wie man es drehen und wenden mag. Wie sehr wir uns auch einreden mögen, dass wir ganz oben stehen in der Nahrungskette, oder dass wir Herren über diesen Planeten seien - wir sind es nicht! Alleine deswegen schon, weil wir wie kleine Kinder mit offenen „Kinnladen“ dastehen und uns fragen: „Mein Gott, wie ist so etwas möglich?! Wer hat das erschaffen?! Wie ist das alles entstanden?!“ Das heißt, die Größe dieser Schöpfung ist uns durchaus bewusst und wir verstehen, dass dieser Planet mächtiger und talentierter ist als wir, auch wenn wir gelernt haben in den Weltraum zu fliegen. Wir sind ein Teil dieses Planeten aber ganz bestimmt nicht ihre Herren. Man könnte es vielleicht so zusammenfassen: die Erde ist wunderschön, aber wir haben damit nichts zutun. Wir sind Beobachter und müssen lernen in dieser Rolle zu leben.

 

RH: Ja, deine Ansicht ist mir nicht fern und sehr verständlich. Deine Fotoarbeiten erzählen ja auch davon. Ich finde auch, dass wir ein Teil der Erde sind, dass wir jedoch oft in unseren Stereotypen stecken bleiben. Es lohnt sich schon immer wieder mal das Gewohnte aus ungewohnten Perspektiven zu betrachten, zum Beispiel von oben. 

Ich habe festgestellt, dass man selten Menschen auf deinen Bildern sieht. Wenn du jedoch über besiedelte Gebiete fliegst, sieht man dort den menschlichen Einfluss. Was hast du über uns Menschen erfahren und verstanden aus der Vogelperspektive?!X

 

SB: Ich will es mal so ausdrücken: Menschen sind durchaus in der Lage schön zu leben. Ich meine damit, dass man sehr interessante architektonische Formen, Linien, geometrisch angeordnete landwirtschaftliche Flächen und Wohngebiete sieht. Aus rein visueller Sicht erschaffen Menschen viel Interessantes, was man von oben gut erkennen kann. Das ist jedoch eine recht oberflächliche Sicht der Dinge. Wenn man dann etwas genauer hinschaut, stellt man schnell fest, dass wir sehr verantwortungslos und kurzsichtig mit der Erde umgehen. Das sieht man natürlich am ehesten in ökologisch belasteten Regionen. Ich habe solche Gebiete überflogen. In Kanada zum Beispiel gibt es eine Stadt Namens Fort McMurray. Dort wird Öl gewonnen aus dem sogenannten Ölsand. Dazu wird die Sandschicht mit Wasser ausgewaschen. Das Gemisch wird in riesigen Auffangbecken weiterverarbeitet. Rein äußerlich sieht das wunderschön aus, diese Schönheit ist jedoch von böser Natur. Für diese Art der Ölgewinnung wird sehr viel Wasser benötigt, das in künstlichen Becken „gelagert“ wird. Die Erde wird außerdem aufgerissen. Und wenn wie Arbeit in einem Gebiet beendet ist, ziehen die Förderanlagen weiter zum nächsten Fördergebiet. Mit der Zeit reißt die Erde in alle Richtungen auf. Man könnte meinen, dass es in dieser öden Region nichts Schönes zu beobachten gibt. Vielleicht kann man das so sehen, wenn man außer acht lässt, dass unser Planet ein lebender Organismus ist! Unser Hintern zum Beispiel ist meist von Kleidern bedeckt, warum sollte man genau dort nicht auch etwas herausschneiden, unser Gesicht wird darunter ja nicht leiden, es ist ja mit das Schönste an uns, das was alle sehen können, das lassen wir also schön in Ruhe - unser Hintern hingegen, sei‘s drum, oder?! Im Umgang mit uns selbst sind wir da also nicht ganz so brutal wir im Umgang mit der Erde!

Genau so kann man von oben sehr gut erkennen wie klein die größten Großstädte sind. Wenn man fünf Stunden über irgendeiner Steppe fliegt, dann begreift man wie wenig es von uns Menschen gibt im Vergleich zu dieser unendlichen, irdischen Weite.

 

RH: Diese Erlebnisse, die du beim Fliegen erfährst, welchen Einfluss haben sie auf dich?!X Was hast du dadurch über dich selbst erfahren?!X

 

SB: Das Zusammenspiel von Fliegen und Fotografieren ist einfach klasse und meditativ. Man wird eingesogen. Zeit- und Raumverständnis verschwinden. Es ist ein Zustand der Gedankenlosigkeit. Wobei das Fliegen allein, ohne einen Fotoapparat ziemlich langweilig ist. Wenn ich in einem Linienflug sitze, dann schlafe ich. Wenn jedoch die Möglichkeit besteht zu fotografieren, dann geht irgendetwas in mir an. Ich empfinde eine Befriedigung und eine Art Abhängigkeit.

Ich kann mich nur wiederholen, ich habe verstanden, dass ich nur ein winziges, recht verwundbares Teilchen eines Ganzen bin. Wenn man zum Beispiel über einem Gletscher oder über Berge fliegt, dann wird dir bewusst, dass wenn der Motor ausgeht - das es das war. Fliegt man über einer Ebene, dann enden neun von zehn Bruchlandungen glimpflich. Über Felsformationen, Gletschern oder über Wasseroberflächen verhält es sich umgekehrt. Wahrscheinlich bin ich furchtlos, sonst würde ich das nicht machen. Ich habe einen gesunden Fatalismus und damit einhergehend erfasst mich eine tiefe Ruhe. Du verstehst immer und immer wieder, dass du ein Teilchen bist und dass weder von dir noch vom Piloten viel abhängt. Du fliegst über der Erde, du hast die Möglichkeit Bilder zu machen, aber du bist nur ein Teil des Prozesses und der Prozess ist Teil von dir. Man hat ein Gefühl von totaler Einigkeit. Interessant, nicht wahr?! Eben noch ein Teilchen und schon bist du eins mit allem! Das ist eine geile Symbiose.

 

RH: Sehr interessant beschrieben. Ich denke, diesen Zustand habe ich in deinen Bildern empfangen. Hast du denn Orte gesehen, an denen der Mensch in Harmonie mit der Natur lebt?!X

 

SB: Überall dort, wo es Hochhäuser gibt, sieht es nicht harmonisch aus, leider. Von unten gesehen sieht es vielleicht harmonisch aus, aber von oben nicht.

In Island zum Beispiel gibt es keine Großstädte und Wolkenkratzer. Die Menschen dort leben wirklich im Einklang mit der Natur - sie haben Respekt vor der Natur. Vielleicht liegt es daran, das man dort buchstäblich auf einem Vulkan lebt und der ist um einiges mächtiger als wir. In der Isländischen Geschichte gab es mehrere verheerende Vulkanausbrüche bei denen bis zu einen Drittel der Bevölkerung umgekommen sind (zum Beispiel im Jahr 1873 beim Ausbruch des Laki). Nach einem solchen Ausbruch weißt du einfach, dass man mit der Natur keine Scherze treiben darf.

 

RH: Ich höre immer wieder Island in deinen Antworten. Was ist so besonders an Island?!X Warum ist Island so ausschlaggebend für deine Kunst?!X

 

SB: Einfach gesagt, es ist ein Ort, an dem alles anders ist.

Erstens kommst du bei einem Flug in Island praktisch nie ohne brauchbares Material zurück. Man kann einfach die Linse ins Fenster drücken und draufhalten und du kannst dir sicher sein, dass ein Bild besser ist als das andere. Das ist vielleicht ein Scherz, jedoch nur zur Hälfte. Die Insel ist derart gesättigt mit interessanten Oberflächen, Strukturen, Mischungen aus Sand, Eis, Lava, Wasser und verschiedenen anderen Formationen... Es entstehen interessante Eindrücke aus diesem Surrealismus: im rechten Fenster siehst du den Ocean und links - grüne Moosflächen, die ein Lavafeld bedecken, noch weiter links ein Gletscher und ihm gegenüber grasen Pferde oder Schafe! Es ist so abwechslungsreich, dass der Verstand die Orientierung verliert - Winter? Herbst? Meer? Ocean oder Land?

Aber auch auf der Gefühlsebene passiert viel Ungewöhnliches. Schließlich befindet man sich dort an einem der seismisch aktivsten Flecken der Erde. Man fühlt die Erdenergie dort besonders stark. Das ist nicht einfach in Worte zu fassen, aber oft wollen Menschen, die Island besucht haben wieder dorthin zurück. Ich war bestimmt schon zehn mal dort. Und wenn man eine Weile nicht da war und dann zurückkommt, aus dem Flieger steigt und sich in strömendem Regen wiederfindet, spürt man trotzdem die besondere Kraft dieses Ortes. Man steht plötzlich abseits seines Verstandes, seiner Gedanken und seiner momentanen Angelegenheiten. Man muss dafür nichts tun - es reicht einfach dort zu sein, die Energie dieses Ortes erledigt den Rest.

 

RH: Welchen Einfluss hat also der Planet auf uns?!X

 

SB: Wenn ich mir meine Aufnahmen anschaue oder mich an meine Flüge erinnere, dann höre ich den Planeten förmlich sagen: „Schau mich an! Schau wie ich aussehe! Verliebe dich in mich! Es ist so einfach meine Schönheit zu sehen!“ Liebe, das ist es, was man von unserem Planeten bekommt. 

Es gibt auch noch andere Gaben, man muss nur lernen maßvoll damit umzugehen. Ich habe den Eindruck, dass die Erde uns in letzter Zeit versucht mit Naturkatastrophen daran zu erinnern, dass wir momentan nicht besonders nachhaltig und weitsichtig mit ihr umgehen. Wenn wir unachtsam mit ihr umgehen, dann trägt sie wohl auch keine Verantwortung für uns. 

 

RH: Wenn wir uns den Zustand vorstellen, dass wir nach einem Flug wieder landen, wie schwer ist der Abschied vom Himmel und der Übergang zum Irdischen?!X

 

SB: Damit verhält es sich wie mit vielen anderen Dingen auch, es ist eine Sache der Gewöhnung. Man hat in dieser Welt Dinge, die man liebt und gerne tut: Arbeit, Familie, Kinder und Freunde. Am Anfang war das „Runterkommen“ etwas schwierig. Ein bisschen so, als ob man aus dem Urlaub kommt und auf die Arbeit muss. Aber man muss bedenken, dass man sich ausgeruht und aufgetankt hat. Ich bin anfangs fast jeden Monat für ein paar Tage irgendwohin geflogen. Jetzt fliege ich seltener und ausgewählter. Ich nehme mir jetzt mehr Zeit mich vorzubereiten und meine Route zu planen. Es ist für mich also ganz normal geworden wieder auf die Erde zurückzukehren.

 

RH: Wie stark fühlst du dich von deinem Hobby abhängig?!X

 

SB: Ich bin sein größter und ergebenster Freund. Es ist schwer zu sagen ob es noch ein Hobby ist. Es ist klar, dass ich viel Geld und Zeit darauf verwende. Ein Hobby unterscheidet sich von der Arbeit ja dadurch, dass es kostet und nicht ernährt. Ich bin einfach froh, das meine Begeisterung für dieses Abenteuer mittlerweile einen bedeutenden Teil in meinem Leben einnimmt. Außerdem bin ich in den letzten fünf Jahren mit bedeutenden Preisen ausgezeichnet worden. Ich sag‘s mal so: ich bin glücklich darüber, dass ich auch irdische Anerkennung bekomme. 

 

RH: Ich habe mal einen außergewöhnlichen Menschen getroffen, eine Kriegsfotografen, der aus vielen Konfliktregionen unserer Welt (ehemalige Sowjet Union, Afghanistan, Irak, Syrien, Ägypten...) berichtet hat. Er hat versucht mit seinen Bildern die Welt aufzurütteln und zum Besseren zu bewegen. Dieser Mann hat sein Leben dieser Aufgabe gewidmet und es oft für diese Aufgabe riskiert. Ich habe etwas Furchtbares aus seinem Mund gehört, nämlich dass seine Fotografie und Lebensaufgabe keinerlei Einfluss auf das Leben anderer gehabt hat. All Sein Einsatz sei nichtig gewesen und habe nichts bewirkt. Daher folgende Frage: muss man um die Welt zu einem besseren Ort zu machen vielleicht mehr von ihrer Schönheit zeigen und die Menschen versuchen damit dazu zu bewegen mehr Mitgefühl für diese Schönheit zu entwickeln?!X

 

SB: Wir brauchen Kriegsberichterstattung, damit wir wissen, was sich in der Welt abspielt. Man muss aber natürlich auch verstehen, dass der durchschnittliche Normalbürger üblicherweise nicht zu den Waffen greift. Krieg wird von militär-politischen Systemen geführt und die haben ihre Mittel um Menschen in den Krieg zu schicken. Fotografie spielt in diesem Vorgang wahrscheinlich eher eine informelle Rolle. 

Wenn man jedoch Schönheit zeigt, erreicht man wahrscheinlich eher den Alltag der Menschen. Wenn man sich Kinder anschaut, die in harmonischer und friedlicher Umgebung aufwachsen, dann entsteht bei Ihnen eine Prägung und eine Verlangen für Harmonie und Frieden. Mir geht es darum, dass ich diese Weltenschönheit gesehen habe und im Stande bin sie weiterzuvermitteln. Es wäre sicher zu hoch gegriffen zu glauben, dass irgendeine Fotografie die Welt verändern kann. Wenn aber irgendeine meiner Arbeiten in irgendjemanden auf Widerhall stößt, dann bin ich mit diesem Resultat hochzufrieden. 

 

RH: Ich habe deine Verbindung zur Natur in deinen Bildern empfangen und bin natürlich froh darüber, dass du einen Weg des Ausdrucks dafür gefunden hast. Wieso ist es dennoch so schwer für uns Menschen diese Verbindung zu spüren?!X

 

SB: Ich denke, dass unser Blick durch unsere vier Wände und durch die Begrenzungen unserer Wohn- und Arbeitsstätten sehr eingeengt wird. Ich denke, dass wir uns alle im Mainstream verlieren, in einer Art Herdenreflex. Dieser Sog wird immer stärker und es wird immer schwerer sich treu zu bleiben. Wieso das passiert und wofür das gut sein soll ist schwer zu sagen. Vielleicht werden dabei politische Ziele verfolgt, es ist ja einfacher Menschen zu beeinflussen, wenn sie vereint sind im identischen Denken, in gleichen Werten und Wünschen. Vielleicht liegt darin der Erfolg vom Mainstream, der mittlerweile viele Bereiche unseres Lebens erfasst. Dementsprechend verliert die Mehrzahl von uns den Bezug zum bewussten Leben, zum verantwortungsvollen Umgang mit dem Leben und folgt dem, was die Mode, die Medien und das soziale Umfeld diktieren...

Es gelingt nicht vielen von uns unsere Unabhängigkeit bewusst zu wahren. Letztendlich ist es eine Frage des Verantwortungsgefühls für das eigene Leben und das liegt in den Händen jedes einzelnen von uns.

 

RH: Wenn du dir früher vielleicht keine Gedanken über deine Mission gemacht hast, wie ist es denn jetzt, nach unserer Unterhaltung, was gedenkst du selbst zu tun um das Wesen unseres Planeten zu wahren?!X

 

SB: Jeder hat seine eigene Rolle. Wenn ich das weitermache, was ich jetzt tue, dann wird dies meine Mission werden: der Versuch Interesse für die Pracht unsere Welt zu wecken mithilfe meiner Kamera. Ich will uns Erdenbewohner darauf fokussieren, unseren Planeten zu respektieren und für ihn zu sorgen. Hat man sich erst in die Natur verliebt, wird man sie auch schützen. Wir neigen ja normalerweise dazu das zu schützen was wir lieben, nicht wahr?!X

 

RH: Glaubst du denn an den Menschen und an seinen Einklang mit der Natur?!X

 

SB: Ja, denn ich treffe immer mehr Menschen mit einem Bewusstsein für unsere Umwelt. Menschen, die ihre Meinung und ihre Sichtweise ändern und sich der Natur öffnen. Der Mensch ist Gott sei Dank kein geschlossenes System. Wir sind in der Lage zu lernen, uns weiter zu entwickeln und die Rahmen unserer Stereotypen zu verlassen. Dieser Prozess dauert einfach nur und der Mainstream schafft es momentan zu viele Geister zu erfassen. Da ich aber immer wieder Menschen treffe, die nicht nur im Autopiloten durchs Leben gleiten, bin ich mir sicher, dass die Menschheit in der Lage sein wird, sich selbst zu erhalten.

 

RH: Ich war schon etwas erstaunt, als ich verstanden habe, dass die Luftfotografie ein Hobby von dir ist. Was machst du denn hauptberuflich?!X

 

SB: Ich arbeite in einer Firma, die Fundraising betreibt um wohltätige Arbeiten finanzieren zu können. Wir arbeiten mit der Stiftung „Lebenslinien“ zusammen, die kranke Kinder in Russland unterstützt. Wir helfen dabei nicht bloß mit modernen Operationsmethoden - wir haben einen systematische Herangehensweise. Wir schaffen eine Infrastruktur, die sowohl die Spezialisierung von Ärzten auf eine bestimmte Krankheit fördert, als auch die Anschaffung der entsprechenden Geräte beinhaltet. Und wenn früher erkrankte Kinder eine bestimmte Art der Behandlung nur im Ausland erhalten konnten, so ist das jetzt auch in Russland möglich. Vor dieser Arbeit waren mir die Qualen der betroffenen Kinder und deren Eltern nicht so richtig bewusst. Mittlerweile ist es mir jedoch ein Herzensanliegen, dass die gesammelten Millionen von Rubeln für diese gute Sache zum Einsatz kommen. Das ist ein sehr beglückendes Gefühl.

Wenn man sich fragt, wofür man auf dieser Welt da ist, dann muss man in erster Linie begreifen, dass man Gutes bewirken kann. Jeder von uns hinterlässt einen Abdruck, und man muss darauf achten welcher Natur dieser Abdruck ist - das ist entscheidend, denn sonst muss man sich fragen: wofür das Ganze?!X

 

Interview und Interpretation: Roman Hoffmann / Instagram: @romanhoffmannpoetry

www.stasbart.com / Instagram: @stasbart